Helmut Schmidt

helmut-schmidtHelmut Schmidt wurde am 23. Dezember 1918 in Hamburg geboren (Sternzeichen: Steinbock) und starb am 10. November 2015 ebenda.

Der Sohn des Studienrates Gustav Schmidt, der ursprünglich väterlicherseits jüdischer Abstammung war, was während des Naziregimes durch Urkundenfälschung erfolgreich verschleiert wurde, leistete nach erfolgreich bestandenem Abitur 1937 Reichsarbeitsdienst und Wehrdienst ab. Im Zweiten Weltkrieg wurde er als Soldat bei der Bremer Luftabwehr eingesetzt, kam 1941 an die Ostfront und war von 1942 bis 1944 Referent für Ausbildungsvorschriften der leichten Flakartillerie im Reichsluftfahrtministerium. Bei Kriegsende war er als Oberleutnant Batteriechef an der Westfront und geriet danach für über drei Monate in britische Kriegsgefangenschaft.

Nach seiner Heimkehr begann er in Hamburg ein Studium der Volkswirtschaft und Staatswissenschaft und trat 1946 in die Sozialdemokratische Partei Deutschlands ein. Ein Jahr später wurde er Bundesvorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes.

schmidt-bioAb 1949 war er in der Behörde für Wirtschaft und Verkehr unter Senator Karl Schiller in Hamburg tätig, übte wortgewandt heftige Kritik an der Regierung und zog 1953 erstmals in den Bundestag ein.

1961 übernahm er das Amt des Hamburger Polizeisenators und koordinierte in dieser Funktion ein Jahr später die Rettungs- und Hilfsaktionen während der Hochwasserkatastrophe in Hamburg. Wider die Verfassung setzte er die Bundeswehr zu Rettungseinsätzen ein, bat europaweit um Hilfe, profilierte sich als Krisenmanager und erlangte weitreichende Popularität. Noch im gleichen Jahr wurde er Innensenator.

1964 beruft ihn Willy Brandt in sein Schattenkabitentt, von 1969 bis 1972 war Helmut Schmidt Bundesverteidigungsminister, laut eigener Aussage eine von ihm nicht sehr geliebte Funktion, ab 1972 Finanzminister.

schmidt-kanzlerAm 16. Mai 1974 wurde er nach dem Rücktritt Brandts zum fünften Bundeskanzler der Republik gewählt. Seine Amtszeit war von Rezession und Weltwirtschaftskrise sowie vom beginnenden Terrorismus der Rote Armee Fraktion im sogenannten „Deutschen Herbst“ geprägt. Durch die Ölkrise führte Schmidt das Land unbeschadeter als andere Staatenlenker. 1975 unterzeichnete er die Schlussakte der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa in Helsinki.

Nach dem Wahlsieg der sozial-liberalen Koalition bei den Bundestagswahlen 1976 wurde Helmut Schmidt erneut zum Bundeskanzler gewählt. In seiner zweiten Amtszeit erreicht die Terrorismuswelle ihren Höhepunkt. Schmidt verfolgte eine bisweilen auch kritisierte unnachgiebig harte Linie, sowohl bei der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer, die für das Opfer tödlich endete, wie auch bei der Entführung einer Lufthansa-Maschine nach Mogadischu in Somalia, die durch den Einsatz eines Sonderkommandos glimpflich zu Ende ging, woraufhin die führenden Mitglieder der Rote Armee Fraktion (RAF) am gleichen Tag in ihren Gefängniszellen Selbstmord begingen. Schmidt hatte die Verantwortung für den Tod Schleyers und das Risiko eines blutigen Verlaufs der Flugzeugentführung in Kauf genommen, um deutlich zu machen, dass die Bundesrepublik nicht erpressbar war. Damit hat er dem Terrorismus in Deutschland ein Ende gesetzt.

1979 beim Gipfeltreffen in Guadeloupe mit Carter, Giscard d’Estaing und dem britischen Premierminister James Callaghan erreichte Schmidt die politische Entscheidung zugunsten des von Parteifreunden heftig kritisierten sogenannten NATO-Doppelbeschlusses. Schmidt befürchtete, dass durch den Einsatz der Mittelstreckenraketen die Sowjetunion in der Lage war, nur Westeuropa atomar angreifen zu können und dadurch die USA nicht notwendigerweise zum Eingreifen zwang. Der NATO-Doppelbeschluss sah nun die Aufstellung von Mittelstreckenraketen beider Mächte vor, mit dem Ziel schlußendlich beiderseits auf diese Waffensysteme zu verzichten. Diese so kritisierte Sicherheitspolitik Schmidts wurde von Helmut Kohl fortgeführt und mündete 1987 in die INF-Verträge und mit der beidseitigen Vernichtung sowjetischer und US-amerikanischer atomarer Mittelstreckenraketen.

Schmidt hielt engen Kontakt zum französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing, traf den sowjetischen Staats- und Parteichef Leonid Breschnew sowie die US-Präsidenten Gerald Ford, Jimmy Carter und Ronald Reagan und es kam zu Begegnungen mit Erich Honecker und dem chinesischen Staatschef Mao Tse-tung. Er zählte den ermordeten ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat zu seinen Freunden, ebenso den ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger, der einmal sagte, dass er hoffe vor Schmidt zu sterben, da er nicht in einer Welt ohne Schmidt leben wolle.

schmidt-mein-europa

Aus der Protestbewegung gegen den NATO-Doppelbeschluss, verbunden mit der wachsenden Zahl von Umweltschützern formierte sich die die neue Partei Die Grünen. Offiziell wegen Uneinigkeiten in der Wirtschafts- und Sozialpolitik zwischen SPD und FDP, inoffiziell aber wegen wachsender Differenzen wegen des NATO-Doppelbeschlusses scheiterte die sozialliberale Koalition. Die FDP-Bundesminister Hans-Dietrich Genscher, Gerhart Baum, Otto Graf Lambsdorff und Josef Ertl traten zurück, Schmidt übernahm zusätzlich das Amt des Bundesministers des Auswärtigen Amts und schlug Neuwahlen vor. Am 1. Oktober 1982 wurde durch ein konstruktives Misstrauensvotum mit den Stimmen von CDU, CSU und der Mehrheit der FDP-Fraktion Helmut Kohl in das Amt des Bundeskanzlers gewählt.

Nach seinem „Rücktritt“, den er laut eigener Aussage nie bedauert hat, widmete sich Helmudt Schmidt dem Schreiben und wurde 1983 Mitherausgeber, zeitweise auch Geschäftsführer, der Wochenzeitung „Die Zeit“ Er war Mitbegründer des InterAction Councils, eines Rates ehemaliger Staats- und Regierungschefs, gründete Ende 1986 gemeinsam mit Giscard d’Estaing den Ausschuss für die Europäische Währungsunion und unterstützte in der Folgezeit die Bestrebungen zur Errichtung einer Europäischen Zentralbank.

schmidt-hörbuchUnpopuläre Ansichten vertrat er als Befürworter der Kernenergie und Gegner des Atomausstiegs und als Kritiker der multikulturellen Gesellschaft, die er „eine Illusion von Intellektuellen“ nannte. Er bezeichnete es als Fehler, dass die Bundesrepublik zu Beginn der 1960er-Jahre Gastarbeiter aus fremden Kulturen einwandern ließ.

Er legte großen Wert auf die Nichteinmischung in die Angelegenheiten souveräner Staaten und ist ein Gegner des geplanten Beitritts der Türkei zur EU, weil er befürchtete, dass dies die außenpolitische Handlungsfreiheit der EU gefährden würde und weil dadurch der dringend notwendige Integrationsprozess der in Deutschland lebenden türkischen Staatsbürger nicht vollzogen würde.

ehepaar schmidtSchmidt war von 1942 bis 2010 mit Hannelore „Loki“ Glaser verheiratet und hat mit ihr einen Sohn, der behindert war und noch vor seinem ersten Geburtstag verstarb sowie Tochter Susanne, die für den Wirtschaftsfernsehsender Bloomberg TV in London arbeitet. Nach dem Tod seiner Frau fand er in seiner langjährigen Vertrauten Ruth Loah eine neue Lebensgefährtin.

Er ist Autor zahlreicher Bücher und Schriften, spielt Schach, Orgel und Klavier und hat als Interpret klassischer Musik mehrere Schallplatten aufgenommen. Zeit seines Lebens beschäftigte er sich mit der Philosophie und schätzte besonders Marc Aurel und Immanuel Kant. Mit Karl Popper stand er in engem Briefkontakt.

Helmut Schmidt war Protestant, bezeichnete sich aber als nicht religiös, allerdings auch nicht als Atheist. Er befürwortete die Kirche als positives Gegengewicht zum moralischen Verfall.

Er war bekannterweise passionierter Raucher und hielt die Debatten und Sanktionen rund um das Rauchen für eine vorübergehende gesellschaftliche Erscheinung.

Helmut Schmidt galt als einer er der beliebtesten deutschen Politiker aller Zeiten, war häufig Gast in Diskussionsrunden und Talkshows und erhielt im Laufe seines Lebens zahlreiche Ehrungen in Form von Auszeichnungen, Preisen, Ehrendoktorwürden und Ehrenbürgerschaften.

schmidt-lebensfragen

HELMUT SCHMIDT: AUS DER NÄHE

(Quelle Bilder: krmPRODUCTS, Amazon)

Bitte hier einen Kommentar hinterlassen